Wo Brecht Handlung zerlegt und Strasberg die Figur von innen auflädt, interessiert Hans-Thies Lehmann das Theater als live stattfindende Situation. Postdramatisch heißt: Der Text ist nicht mehr der Chef auf der Bühne — Körper, Raum, Sound, Video, Rhythmus und Präsenz sind genauso wichtig. Die Leitfrage lautet nicht mehr „Was passiert der Figur?“, sondern: Was passiert hier gerade mit uns? Am Ende dieses Moduls sortierst du alle drei Pole — Brecht, Strasberg, Lehmann — und bist bereit für die Arena.
Sechs Begriffe aus dem Modul — mit jedem gelösten Wort kommt ein Stück des Bildes ans Licht.
Neun Aussagen, drei Denker. Genau diese Tabelle kommt im Abschlusstest wieder.
Ab acht richtigen Antworten im ersten Versuch bekommst du das Badge Ereignis.
Lehmann-Begriffe sind besonders wertvoll, wenn ihr Spielentscheidungen begründet: „Ich habe auf Präsenz gesetzt statt auf Figur“ — „Die Simultaneität entstand, als wir beide Texte gleichzeitig sprachen“ — „Wir haben Text als Material behandelt, nicht als Botschaft.“ Die wichtigste übergreifende Frage: Welchen der drei Ansätze habe ich in meiner Arbeit genutzt — und warum?
| Begriff | Definition |
|---|---|
| Kernbegriffe (prüfungsrelevant) | |
| Postdramatisches Theater | Die geschlossene dramatische Handlung ist nicht mehr das Zentrum — Text ist nur noch ein Zeichen unter vielen. „Postdramatisch“ = nach der Alleinherrschaft des Dramas, NICHT „ohne Text“. |
| Präsenz | Die unmittelbare Wirkung von Körper, Stimme und Moment im Hier und Jetzt — noch bevor man alles „versteht“. Nicht Darstellung, sondern Erscheinung. |
| Simultaneität | Mehrere Dinge passieren gleichzeitig — der Zuschauer wählt aus, statt alles nacheinander zu entziffern. |
| De-Hierarchisierung der Zeichen | Kein Element herrscht automatisch: Text, Licht, Sound, Körper und Raum sind gleichwertige Bedeutungsträger. |
| Performer statt Figur | Die Person auf der Bühne muss nicht in einer Rolle aufgehen — sie kann zugleich Spieler, Körper, Sprecher, Material und Figur sein. |
| Textfläche / Sprachmaterial | Sprache treibt nicht nur Handlung voran — sie kann Rhythmus, Sound, Druck, Wiederholung oder Reibung erzeugen. |
| Ahnenforschung | |
| Brecht / Müller | Brecht: Vorläufer mit Grenze (bricht Illusion, behält Lesbarkeit). Müller: die Scharnierfigur — Hamletmaschine, Bildbeschreibung: Drama geht in Material über. |
| Bausch / Wilson | Bausch: Körper statt Text („Mich interessiert nicht, wie Menschen sich bewegen, sondern was sie bewegt.“). Wilson: Bild-Raum, extreme Verlangsamung, Zeit als Substanz. |
| Rimini Protokoll / She She Pop | Das postdramatische Erbe der Gegenwart: Dokumentarmaterial, Laien, Selbstbefragung. |
| Drei Gefahren | |
| 1–3 | Beliebigkeit (ohne Handlung muss die Form umso genauer sein) · Ausschluss (kann kalt wirken) · Stil als Pose (nicht jeder Abend mit Video und Fragment ist klug — postdramatisch ≠ tief). |
| Die drei Pole (prüfungsrelevant!) | |
| Ziel | Brecht: politisches Denken · Strasberg: emotionale Wahrheit · Lehmann: Präsenz / Ereignis |
| Geschichte | Brecht: erzählt, gebrochen · Strasberg: erzählt, psychologisch · Lehmann: aufgelöst / verweigert |
| Schauspieler | Brecht: zeigt die Figur · Strasberg: gestaltet die Figur psychologisch von innen · Lehmann: spielt zwischen Person, Figur und realer Anwesenheit |
| Zuschauer | Brecht: soll urteilen · Strasberg: soll mitfühlen · Lehmann: produziert Bedeutung |
| Schlüsselmittel | Brecht: V-Effekt, Gestus · Strasberg: emotionales Gedächtnis · Lehmann: Körper, Simultaneität |
| Raum | Brecht: entmystifiziert · Strasberg: intim, filmisch · Lehmann: neu erfunden, bedeutend |